Essstörungen

Rund 600.000 Menschen leiden in Deutschland in jedem Jahr unter einer Essstörung. Der Großteil der Betroffenen ist weiblichen Geschlechts. Immer häufiger kommt problematisches Essverhalten aber auch bei männlichen Patienten vor. Typischerweise beginnen Essstörungen im Alter von 14 bis 19 Jahren. Es gibt jedoch auch Fälle, bei denen sie schon früher oder erst später auftreten.

Das Hauptcharakteristikum der Essstörungen ist die übermäßige Beschäftigung mit den Themen Körperfigur, Körpergewicht und Reglementierung des Speiseplans.

Die beiden häufigsten Essstörungen sind die Bulimia nervosa (auch Bulimie oder "Ess-Brechsucht") und die Anorexia nervosa (auch Anorexie oder "Magersucht"). Sowohl Patienten mit einer Bulimie als auch Patienten mit einer Anorexie versuchen, ihr Gewicht durch Einschränkung der Nahrungsaufnahme zu verringern. Wie die meisten Menschen, die einer Nahrungsverknappung ausgesetzt sind, erleiden Bulimiker ("Ess-Brechsüchtige") dabei früher oder später Heißhungeranfälle. Sie verlieren dann die Kontrolle über ihr Essverhalten und stopfen sich rauschartig mit kalorienreichen Speisen voll. Im Anschluss an solche "Fressattacken" versuchen sie dann, sich der dabei aufgenommenen Nahrungsmittel wieder zu entledigen, indem sie sich den Finger in den Hals stecken und erbrechen oder indem sie Abführmittel gebrauchen. Anorektikern ("Magersüchtigen") gelingt es im Gegensatz dazu, ihren Hunger so stark zu unterdrücken, dass sie immer weiter abnehmen. Dass sie dazu fähig sind, die dazu notwendige geradezu übermenschliche Disziplin aufbringen, gibt ihnen dabei häufig ein Gefühl von Erfolg und Kontrolle. Die durch die anhaltende Diät bedingte Unterversorgung ihres Körpers mit Nährstoffen führt jedoch unter anderem zu Müdigkeit, Antriebslosigkeit, gedrückter Stimmung, Konzentrationsstörungen und verlangsamtem Denken; sie hat also ein insgesamt stark vermindertes Leistungsvermögen zur Folge.

Menschen mit Essstörungen kommen am Anfang häufig mit zwiespältigen Gefühlen zu uns in die Psychotherapie. Einerseits leiden sie darunter, dass die gedankliche Beschäftigung mit ihrem Körper und mit dem Essen zur Obsession geworden ist, und sie merken auch, dass sie sich durch ihr abweichendes Essverhalten auf Dauer gesundheitlich schädigen. Andererseits haben sie aber große Angst davor, die Einschränkung ihrer Nahrungsmittelzufuhr wieder aufgeben zu sollen. Dabei befürchten sie nicht nur, sie würden dann "fett" und "hässlich" werden. Die Essanfälle der Bulimie-Patienten mit dem anschließende Erbrechen und das eiserne Durchhalten der Anorexie-Patienten helfen den Betroffenen nämlich oft im Umgang mit unangenehmen Gefühlen und bei der Aufrechterhaltung ihres Selbstwertgefühls, weshalb sie gar nicht ohne Weiteres darauf verzichten können.

In der Psychotherapie der Essstörungen geht es daher nicht nur darum, wieder "normal" essen zu lernen.

Je nach dem jeweiligen Einzelfall können auch Themen wie die Entwicklung der eigenen Identität, die Planung der beruflichen Zukunft, der Umgang mit Misserfolgen sowie Schwierigkeiten mit zwischenmenschlichen Beziehungen, der Liebe oder der Sexualität zentrale Themen der Therapie sein.

Oftmals gelingt es unseren Patienten im Laufe der Therapie mit sich selbst insgesamt zufriedener zu werden, etwaige körperliche Unperfektheiten zu akzeptieren und sich mehr und mehr auf Aktivitäten und Lebensziele zu konzentrieren, die sie dann weit wichtiger und befriedigender finden als das aufleuchten einer bestimmten Zahl auf der Waage. Im weiteren Verlauf machen viele von ihnen darüber hinaus die Erfahrung, dass die Orientierung an ihrem natürlichen Hunger- und Sättigungsgefühl zwar am Anfang durchaus zu einer Gewichtszunahme führen kann, auf lange Sicht jedoch sehr viel besser dazu geeignet ist, ein gesundes Körpergewicht stabil zu halten, als die künstliche Regulierung durch Diäten.


Siehe auch: Störungen der Selbstkontrolle | Depressionen